Das
von AEG in den 30er Jahren entwickelte Transkommando-System stellt einen
Vorläufer der Rundsteuertechnik dar. Weil die Anwendungsmöglichkeiten des
Transkommandosystems sehr vielseitig waren und zu jener Zeit kaum ein
gleichwertiges anderes Fernschaltsystem existierte, bedeutete die Entwicklung
dieser Anlage Mitte der 30er Jahre seinerzeit sicher einen Fortschritt. Zum
Einsatz kam das System damals in Magdeburg und in Stuttgart.
Die Aufgabe des Systems besteht darin, bestimmte Schaltbefehle zu beliebigen Zeiten und in beliebiger Reihenfolge ohne irgendwelche Steuerleitungen an jeden Punkt des Versorgungsnetzes zu übermitteln. Dass dabei die Betriebssicherheit des Netzes nicht gestört und die Stromverbrauchs-Einrichtungen bei den Abnehmern nicht nennenswert beeinflusst werden dürfen, erscheint selbstverständlich. Bezogen auf die Zeit der Errichtung wurden diese Forderungen einigermaßen erfüllt. An bestimmten Punkten des fernzuschaltenden Netzes, den Einspeisepunkten, wurden in einer Phase der 10-kV- Hochspannungsleitung Unterbrechungs- Schnellschalter besonderer Konstruktion eingebaut. Das Bild zeigt den in einer Zelle eingebauten Schnellschalter, über den ein Leiter der 10-kV- Sammelschiene geführt ist. Die hohe Schaltgeschwindigkeit wurde durch Druckluftantrieb erreicht.
Werden
die Schalter zu genau gleichen Zeitpunkt betätigt, so entsteht im ganzen
dahinter liegenden Netz zunächst hochspannungsseitig eine einphasige
kurzzeitige Stromunterbrechung, die hoch- und niederspannungsseitig eine weiche
Spannungssenkung von ca. 2 Perioden Dauer zur Folge hat. Dabei ist gleichgültig
ob dieses Netz vermascht oder offen betrieben wird. Wenn die Unterbrechung z.B.
in der Phase R 10-kV-seitig durchgeführt wird, sinkt die verkettete Spannung RT
auf ca. 80%, die Spannung RS auf etwa 50%, die Spannung ST bleibt unverändert.
Niederspannungsseitig sinkt die Spannung auf etwa 50 - 75% des Nennwertes (siehe
Abbildung). Die Spannungssenkung genügt nach Höhe und Dauer vollkommen, um
spannungsabhängige Magnete in den Empfangsgeräten zum Ansprechen zu bringen.
Die Ansprechempfindlichkeit der Magnete ist einstellbar und kann somit den
Netzverhältnissen angepasst werden.
Im Kommandogeber ist jedem Befehl ein Druckknopf bzw. Schalter zugeordnet,
der bei Betätigung den Anlauf der Steuereinrichtung erregt und damit das
synchrone Arbeiten der im Hochspannungsnetz befindlichen Transkommandoschalter
mit dem gewählten Befehl entsprechend dem gewählten Zeitabstand bewirkt. Die
über das Versorgungsnetz übertragenen Kommandos gelangen zu den einzelnen
Empfangsrelais. Diese sind so ausgebildet, dass sie für den Empfang von bis zu
drei Kommandos geeignet sind, die sich gegenseitig ausschließen, also nur
nacheinander gegeben werden können, ohne an eine Reihenfolge gebunden zu sein.
Ein
Schaltfolgeplan zeigt in grundsätzlicher Darstellung die Wirkung der drei
Impulse auf ein Empfangsrelais (Bild rechts, EBetr. =
Betriebsspannung). Der Anker des Relais kann sich längs der Mantellinie eines
vom Synchronmotor des Relais angetriebenen Zylinders bewegen, auf dessen Umfang
Nuten angebracht sind, deren einstellbare Lage die verschiedenen Kommandos
bestimmt. Dieser Relaiszylinder ist abgewickelt ebenfalls im Bild dargestellt.
Die Steuerspannung wird entsprechend den drei Impulsen dreimal abgesenkt. Der
Anker des Relais, der als schraffiertes Rechteck dargestellt ist und sich nur in
senkrechter Richtung bewegen kann, muss richtig, d.h. zeitgerecht, durch die
Nuten des sich von rechts nach links bewegenden Relaiszylinders geschleust
werden, um in die Betätigungsstellung zu kommen. Wenn das Kommando, wie auf dem
Bild, der Nutenanordnung im Relais entspricht, so fällt bei dem ersten Impuls
der Anker bis zur Nutenbegrenzung a ab; der Synchronmotor läuft an,
wodurch sich der Relaiszylinder dreht. Der Anker wird nach Ablauf des
Startimpulses wieder angezogen und legt sich so lange gegen die obere
Nutenbegrenzung b, die an ihm entlang gleitet, bis der zweite Impuls
kommt.
Beim Eintreffen des zweiten Impulses, der als Auswahlimpuls bezeichnet wird, fällt der Anker wieder ab, und zwar bis zur Nutenbegrenzung c. Der Relaiszylinder bewegt sich unter dem Einfluss des Startimpulses weiter. Nach Ablauf des zweiten Impulses wird der Anker wieder angezogen; er kann jedoch wieder nicht in die obere Ruhestellung zurückkommen, da die Nutenbegrenzung d, die am Anker entlang gleitet, sein Aufsteigen nach oben verhindert. Erfolgt auch der dritte Impuls, der Ausführungsimpuls, zeitgerecht, so fällt der Anker in die Schaltstellung e und schaltet, sobald er über eine in der Schaltbahn befindliche Nocke gleitet. Anschließend wird er wieder in die Anfangslage zurückgeschleust.
Ist ein Impuls nicht zur rechten Zeit, z. B. zwischen dem Start- und Auswahlimpuls oder Ausführungsimpuls gekommen, so fällt der Anker nach unten durch und kann in der unteren Stellung nicht mehr von dem Magneten allein angezogen werden; er kann also nicht mehr in die Schaltstellung kommen. Ein Fehlimpuls macht das Relais also wirkungslos. Hat das Relais eine volle Umdrehung nahezu beendet, so wird der Anker durch ein Schleusensystem wieder nach oben gebracht, dort vom Magneten wieder angezogen und das Relais in der Anfangsstellung festgehalten. Genau so verhält sich das Relais, wenn ein Impuls länger andauert als vorgeschrieben ist, da dann der Anker auch nach unten durchfällt. Auch wenn beispielsweise der zweite Impuls nicht in dem vorgeschriebenen Zeitpunkt, sondern erst dann eintrifft, wenn der Ausführungsimpuls erfolgen soll, kann keine Fehlschaltung verursacht werden, weil der Anker infolge der Nutenbegrenzung d nicht in die Schaltstellung fallen kann. Das Impulsschema ist in drei Gruppen aufgeteilt. Dies ermöglicht es, drei verschiedene Kommandos mit einem Senderumlauf auszusenden. Die Gruppe 1 umfasst die Impulse 1..8, die Gruppe 2 die Impulse 13..20 und die Gruppe 3 die Impulse 25..32. Dabei ist jeweils der letzte Impuls einer Gruppe der Ausführungsimpuls.
Das
Bild rechts zeigt ein geöffnetes Empfangsrelais, das für den Empfang von einem
Kommando ausgelegt ist. Für die Steuerung von Straßenbeleuchtung und
Luftschutzsirenen wurden spezielle Relais entwickelt.
Das Lampenrelais ist für den Empfang von drei Kommandos ausgelegt und
entspricht somit den an die Straßenbeleuchtungen gestellten Forderungen. Es hat
folgende Schaltstellungen: "Halbnacht- und Ganznachtlampen ein" -
"Halbnachtlampen aus" - "Gesamtbeleuchtung aus". Die
Kommandos sind an keine zyklische Reihenfolge gebunden.
Das Transkommando-Luftschutzrelais (auch Sirenensteuergerät), dient zur Steuerung von Sirenen; es ist für den Empfang folgender drei Sirenenkommandos geeignet: "Hoher Ton" - "Tiefer Ton" - "Heulton". Dabei wird der letztgenannte durch kurzzeitiges Einschalten und Abschalten des hohen Tones erzeugt. Diese Umschaltung wird durch ein in dem Relais untergebrachtes Laufwerk vorgenommen, das auch nach 1 oder 2 min die Sirene wieder stillsetzt.
Die Relais können bei Begrenzung auf zwei Kontakte mit einem Kontakt für 10 A bestückt werden. Es eignet sich somit zur direkten Schaltung der meisten Stromkreise. Der Einbau in ein wasserdichtes Gehäuse ist möglich. Da der Sender für die Durchgabe von 21 Kommandos ausgelegt ist, kann man außer der Steuerung der Sirenen und der üblichen Straßenlampen auch noch weitere Kommandos über das Leitungssystem geben. Man kann also beispielsweise Richtungslampen schalten, man kann bestimmte Personen alarmieren usw. "Das System nimmt daher bereits weitgehend Rücksicht auf Anforderungen, die durch den zivilen Luftschutz vielleicht einmal später noch gestellt werden; es ist gerade infolge dieser Erweiterungsmöglichkeit nicht auf bestimmte Aufgaben beschränkt" (AEG-Beschreibung von 1937).
Schon
1934 wurden Spannungssenkungen für Steuerzwecke in das Hochspannungsnetz des
damaligen Stuttgarter Umspannwerks Feuerbach der zur täglichen
betriebsmäßigen Steuerung der Straßenbeleuchtung, Treppenhausbeleuchtung und
für Tarifumschaltungen gegeben (siehe Bild rechts). Dieses Netz umfasste
seinerzeit etwa 20 Großabnehmer mit motorischer Leistung vom 5200 kVA und ca.
18 Netzstationen mit 4500 kVA. Die Einwohnerzahl des gesteuerten Ortsteiles
betrug seinerzeit etwa 20000 - 25000. Außerdem wurden von 1940 ab die
Wohngebiete zweier weiterer Stadtteile über dieses Umspannwerk mittels
Unterbrechungen im Hochspannungsnetz ferngesteuert.
Die Störanfälligkeit der Hochspannungs- Unterbrecherschalter und die lästigen Spannungssenkungen führten nach dem Kriege mit dem Einzug der Leuchtstofflampen, empfindlicher medizinischer Messgeräte, der Verbreitung von Phono-, Film- und Fernsehtechnik zum Abbau der Transkommandoanlagen. Der letzte 1000-A- Hochspannungs- Unterbrechungsschnellschalter gelangte 1961 im Feuerbacher Umspannwerk zum Abbau. Danach wurde im Bereich des ehemaligen Gartenschaugeländes auf dem Killesberg das Transkommandosystem noch einige Jahre weiterbetrieben, bis es endgültig durch die Rundsteuertechnik abgelöst wurde.
| "Das Transkommandosystem" aus AEG-Mitteilungen 3/1938 |
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Letzte Änderung: |
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06.05.2009 |