Das von den Siemens-Schuckert-Werken (SSW) anfangs der 30er Jahre vorgestellte Fernsteuersystem (der Begriff "Rundsteuerung" wurde zu dieser Zeit noch nicht benutzt) stellt ein Mehrfrequenz-Verfahren dar, wie es schon Loubery zu Beginn des Jahrhunderts patentieren ließ. Die ersten Anwender dieses Systems waren ab 1932 die Isar-Amperwerke und ab 1935 das Elektrizitätswerk Potsdam. Nachfolgend ein Ausschnitt aus der Siemens-Zeitschrift von 1936.
Das
Telenerg-System ist ein Überlagerungssystem, das tonfrequente Ströme von 280
bis etwa 600 Hz über das niederfrequente 50-Hz-System überlagert. Von einer
zentralen Stelle aus, z.B. von der Sammelschiene des Kraftwerkes oder der
Umspannstation, wird die tonfrequente Energie dem Netz aufgedrückt und über
sämtliche Verbraucher, die im Augenblick der Sendung angeschlossen sind,
überlagert. Die aufgedrückte tonfrequente Spannung beträgt etwa 2,3...6% der
Betriebsspannung und wird von den Transformatoren übersetzungsgetreu
umgespannt. Die tonfrequenten Ströme fließen zu sämtlichen Verbrauchern,
durch jede Glühlampe, die in Betrieb ist. durch jedes Wärmegerät, durch jeden
Motor. Es ist daher möglich, an jeder Stelle des Netzes Frequenzrelais (Telenerg-Relais,
siehe Bild rechts) einzubauen, die dann ansprechen, wenn die gesandte Frequenz
mit der Nennfrequenz des Relais übereinstimmt. Das Telenerg-System benutzt die
Leitungen des 50-Hz-Systems; es ist also nicht nötig, neue Leitungen zu
verlegen.
Die verschiedenen Verbrauchergruppen, Doppeltarifzähler, Dreifachtarifzähler, Warmwasserspeicher, Beleuchtungsschalter, werden von verschiedenen Relaisgruppen gesteuert; z. B. die Gruppe der Doppeltarifzähler von einer Relaisgruppe, die bei 317 Hz von Nieder- auf Hochtarif schaltet und bei 337 Hz von Hoch- auf Niedertarif. Dieser Relaisgruppe würden also die beiden Befehle 317 und 337 Hz zugeordnet sein. Entsprechend der Anzahl von Verbrauchergruppen müssen eine bestimmte Anzahl von Befehlsfrequenzen zur Verfügung gestellt werden. Der Frequenzbereich von 280...600 Hz erlaubt es im allgemeinen, 8...12 Befehlsfrequenzen bereitzustellen. Die Relais sind auf das ganze Netz verteilt und die verschiedenen Relaisgruppen willkürlich untereinander verstreut. Bei Sendung eines Befehls spricht jedoch nur die Relaisgruppe an, die auf diesen Befehl abgestimmt ist. Die Relais sind so entwickelt, dass ein Befehl wiederholt werden kann, falls im Augenblick der Sendung ein Netzteil ausgefallen war. Es ist nicht möglich, dass ein Relais, das angesprochen hat, infolge Wiederholung des Befehls den durch den Befehl gewünschten Schaltzustand rückgängig macht oder ändert.
Nebenstehendes
Bild zeigt den Sendemaschinensatz. Er besteht aus einer Tonfrequenzmaschine, die
eine der jeweiligen Drehzahl entsprechende Frequenz abgibt. Der Satz wird
angetrieben von einem Drehstrom-Kollektor-Motor mit Bürstenverschiebung, der
über einen Transformator vom 50-Hz-System gespeist wird. Entsprechend der
Bürsteneinstellung wird die Drehzahl und damit die Frequenz des
Tonfrequenzgenerators verändert. Es ist aus bestimmten Gründen genauestens
dafür Sorge zu tragen, dass sowohl die Veränderung der Frequenz mit der Zeit
einen bestimmten Wert nicht unter- oder überschreitet, als auch, dass
irgendwelche Belastungsänderungen oder Frequenzänderungen nur ganz geringe
Frequenzänderungen des Tonfrequenzgenerators zur Folge haben, was nur durch
besondere Maßnahmen möglich ist. Der Sender arbeitet über einen Transformator
und über einen Aufdrückkreis, bestehend aus einem Kondensator und einer
veränderlichen Induktivität auf das Netz. Der Aufdrückkreis hat die Aufgabe,
dem 50-Hz-System einen großen Widerstand zu bieten, dagegen die
Tonfrequenzströme mit möglichst geringen Verlusten durchzulassen. Er muss also
auf die jeweilige Frequenz des Tonfrequenzgenerators abgestimmt sein. Dies wird
selbsttätig bewerkstelligt. Der Sendevorgang ist aus nachfolgendem Bild
ersichtlich. Der Sender wird schnell auf etwa 500 Hz hochgefahren; die weitere
Zeit-Frequenzkurve verläuft mit konstanter Anstiegsgeschwindigkeit. Der Sender
arbeitet zunächst nicht auf das Netz, erst zum Senden eines bestimmten Befehls,
z. B. des Befehls mit der Nennfrequenz 500 Hz, wird er einige Hertz vor 500 auf
das Netz geschaltet und einige Hertz nach 500 wieder vom Netz abgeschaltet. In
Bild 5 ist dies durch Frequenz-Zeit-Kurve. eine Verstärkung der Strichstärke
angedeutet.
Es
wird also nicht eine bestimmte Frequenz, sondern ein kleines Frequenzbändchen
von etwa 6...12 Hz gesendet. Dies ist notwendig, da die Relais nicht auf 1 Hz
genau arbeiten können und Sicherheit bestehen muss, dass sämtliche Relais
ansprechen. Auf der Schalttafel der Sendeanlage ist es im praktischen Betrieb
nur notwendig, den Schalter der Sendefrequenz zu schalten und den Sender
anzulassen. Alles andere geschieht selbsttätig. Es gibt zwei grundsätzliche
Schaltungsarten, die tonfrequente Energie auf das Netz aufzudrücken, das
sogenannte Parallel-Aufdrücksystem und das Serien-Aufdrücksystem. Beim bereits
erwähnten Parallel-Aufdrücksystem wird die tonfrequente Energie parallel zu
den Maschinen oder Transformatoren des 50-Hz-Systems aufgedrückt. Beim
Seriensystem wird die Energie über einen Transformator in Reihe zum
Energiefluss des 50-Hz-Systems entsprechend den bekannten Verhältnissen bei
einem Zusatztransformator aufgedrückt. Beim Parallelsystem ist es unter
Umständen nötig, die 50-Hz-Generatoren oder die speisenden Transformatoren
durch Sperrkreise für Tonfrequenz abzusperren; das Seriensystem erfordert unter
bestimmten Umständen eine Überbrückung derselben Anlageteile durch
Leitkreise. Ob das Parallel oder Seriensystem zweckmäßiger ist, hängt von den
jeweils vorliegenden Verhältnissen ab. Sperrkreise, die aus einem Transformator
im Zuge der Leitung und aus einer veränderlichen Kapazität im Sekundärkreis
des Transformators bestehen, bieten keine besonderen Schwierigkeiten, bedeuten
lediglich einen etwas größeren Kostenaufwand. Man wird jedoch meist ohne
Sperrkreise auskommen können.
Im
Bild ist die grundsätzliche Wirkungsweise der Telenerg-Relais dargestellt Der
elektrische Kreis besteht aus einem Kondensator und einer Spule, die um ein
Eisenpaket gewickelt ist. Das Eisenpaket liegt an dem einen Pol eines
Dauermagneten, dessen Kraftfluss sich über dieses Eisenpaket dem
Luftzwischenraum, der Stahlfeder und zurück zu dem anderen Dauermagneten
schließt. Unter dem Einfluss der Telenerg-Ströme ändert sich das Feld in dem
Luftzwischenraum zwischen Eisenpaket und Stahlfeder im Takte der
Überlagerungsfrequenz. Wenn nun die Stahlfeder auf die gerade gesendete
Tonfrequenz abgestimmt ist, schwingt diese hin und her; sie stößt dabei an
einen Hammer, der um eine Achse beweglich ist und bei genügend starken Stößen
ein auf der einen Hälfte gezähntes Rädchen vorwärts bewegt, also um 180°
dreht. Auf der gleichen Welle des Rädchens ist eine Schaltnocke angebracht. Das
Bild zeigt, dass, je nachdem die Seite der Schaltnocke mit kleinem Radius oder
mit großem Radius rechts liegt, der elektrische Kontakt geschlossen oder
geöffnet wird. Dieses System macht es möglich, eine Wiederholung des
Schaltvorganges vorzunehmen, falls irgendeine Übertragungsleitung während der
Sendung ausgefallen sein sollte und infolgedessen nicht sämtliche Relais
angesprochen haben. Die Relais, die schon angesprochen haben, können bei der
Wiederholung des Befehls nicht weiterschalten, da nur die eine Hälfte der
Rädchen gezahnt ist. Ein zweites Schwingsystem, das auf eine andere Frequenz
abgestimmt ist, übernimmt die Drehung der Welle um weitere 180°, womit der
geschlossene Kontakt wieder geöffnet wird.
Die später von Siemens entwickelten Rundsteuerverfahren im Impuls-Intervallverfahren tragen ebenfalls dem Markennamen Telenerg, haben aber mit diesem Mehrfrequenzverfahren nichts gemeinsam.
Quelle: Teile aus Siemens-Zeitschrift 4/1933 und 4/1936.
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28.09.2011 |